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Der Pflegeprozess: Definition, Modelle & Praxisbeispiele

Pflegeprozess verständlich erklärt: Wir vergleichen das 4- und 6-Schritte-Modell. Mit Definitionen, klaren Beispielen und Tipps für deine Pflegeplanung.

Pflegekraft sitzt am Computer und erstellt eine digitale Pflegeplanung im Rahmen des Pflegeprozesses.

Definition: Was ist der Pflegeprozess eigentlich?

Der Pflegeprozess wird definiert als ein systematischer, zielgerichteter Arbeitsablauf zur professionellen Planung, Durchführung und Evaluation pflegerischer Maßnahmen. Er ist kein statisches Dokument, sondern ein dynamischer Kreislauf, der sich ständig an den Zustand des Patienten anpasst.

Warum sollte jede Einrichtung diesen Prozess strikt einhalten?

Für eine Pflegeeinrichtung ist die konsequente Anwendung des Pflegeprozesses aus mehreren Gründen verpflichtend und vorteilhaft:

  • Qualitätssicherung: Er ist die Basis für die gesetzlich geforderte Qualitätssicherung und die Prüfung durch den MDK (Medizinischer Dienst).
  • Transparenz und Dokumentation: Alle Schritte sind für das gesamte Team nachvollziehbar. Dies erleichtert die Übergabe zwischen den Schichten.
  • Patientensicherheit: Durch die systematische Erfassung werden Risiken (wie Sturz oder Dekubitus) minimiert.
  • Effizienz: Eine gute Planung verhindert unnötige Doppelarbeiten und stellt sicher, dass das Pflegepersonal seine Zeit dort einsetzt, wo sie am dringendsten benötigt wird.

Der Kern aller Modelle

Unabhängig davon, welches Modell eine Einrichtung nutzt, bleibt der Kern immer gleich: Es beginnt mit der Sammlung von Informationen und endet (vorerst) mit der Evaluation. Die Evaluation ist das kritische Prüforgan: Haben wir unsere Ziele erreicht? Wenn nicht, beginnt der Kreislauf von vorn.

Die Pflegeprozessmodelle

In der Pflegelehre haben sich über die Jahrzehnte verschiedene Modelle entwickelt. Der Hauptunterschied liegt vor allem darin, wie detailliert die einzelnen Arbeitsschritte unterteilt und beschrieben werden. Diese Modelle kommen ab dem Moment zum Einsatz, in dem ein Patient oder Bewohner in die Einrichtung aufgenommen wird – und sie enden erst mit der Entlassung oder dem Ableben.

Ein wesentliches Merkmal aller Modelle ist ihre Flexibilität. Die Phasen der Planung (Ziele und Maßnahmen) sind nicht statisch. Sobald sich der Gesundheitszustand oder das Befinden eines Patienten ändert, muss die Planung umgehend angepasst werden. Der Pflegeprozess reagiert somit direkt auf jede Veränderung im Pflegealltag, um stets die passende Versorgung zu garantieren.

Die zwei bekanntesten Modelle in Deutschland

Es gibt verschiedene Modelle, um Pflege fachgerecht zu strukturieren. In Deutschland betrachten wir vor allem die zwei bekanntesten Ansätze, die sicherstellen, dass das Pflegepersonal nach einheitlichen Standards arbeitet:

  • Das Sechs-Phasen-Modell nach Fiechter und Meier: Dieses Modell bietet eine sehr detaillierte Gliederung und ist der klassische Standard in der deutschen Pflegeausbildung.
  • Das Vier-Phasen-Modell: Diese kompaktere Variante wird heute häufig genutzt, um die Dokumentation effizienter zu gestalten und den Fokus auf das Wesentliche zu legen.

 Das Vier-Phasen-Modell 

Die Struktur des vierstufigen Pflegeprozesses basiert auf den Arbeiten von Helen Yura und Mary Walsh. Bereits 1983 veröffentlichten sie dieses Modell, welches bis heute als Grundlage für eine effiziente und zielorientierte Pflegeplanung dient.

Phase 1: Einschätzung (Assessment)

Der Prozess beginnt mit einer systematischen Einschätzung der Situation. In der Praxis wird hierfür häufig das Instrument der Strukturierten Informationssammlung (SIS) verwendet. Im Rahmen der SIS werden gezielte Beobachtungen und Informationen zu folgenden Bereichen erhoben:

  • Kognitive und kommunikative Fähigkeiten
  • Mobilität und Beweglichkeit
  • Krankheitsbezogene Anforderungen und Belastungen
  • Selbstversorgung (z. B. Körperpflege und Ernährung)
  • Leben in sozialen Beziehungen
  • Haushaltsführung

Ziel ist eine ganzheitliche Erfassung des Bewohners. Sobald diese Datengrundlage ausreicht, um den individuellen Pflegebedarf fachlich zu bestimmen, folgt der nächste Schritt.

Phase 2: Planung (Ziele und Maßnahmen)

Auf Basis der vorangegangenen Einschätzung werden individuelle Pflegeziele und Maßnahmen für den Patienten festgelegt.

  • Ziele: Es wird empfohlen, diese nach der SMART-Formel (spezifisch, messbar, attraktiv, realistisch und terminiert) zu definieren.
  • Maßnahmen: Hierbei wird exakt festgelegt, was, wie, wann und wo durch das Pflegepersonal durchgeführt werden muss.

Phase 3: Durchführung (Intervention)

In dieser Phase werden die geplanten Maßnahmen in die Tat umgesetzt. Jede Handlung muss zeitnah und fachgerecht dokumentiert werden. Diese Dokumentation dient als wesentliche Grundlage für den letzten Schritt, da sie nachvollziehbar macht, wie der Pflegealltag verlaufen ist und ob die geplanten Ziele erreicht werden konnten.

Phase 4: Bewertung (Evaluation)

Der Kreislauf schließt mit einer kritischen Reflexion der Ergebnisse. Im Mittelpunkt stehen die Fragen: „Wurde das angestrebte Ziel erreicht?“ und „An welchen Stellen müssen wir die Planung nachbessern?“. Hierbei ist eine objektive Herangehensweise zwingend erforderlich. Die Bewertung darf nicht auf Vermutungen basieren, sondern muss sich auf belegbare Fakten, Beobachtungen und Daten stützen.

Sollten sich die Bedürfnisse des Bewohners ändern, beginnt der Prozess mit einer neuen Einschätzung (Phase 1) von vorn.

Praxis-Beispiel: Dekubitusprophylaxe in der Langzeitpflege

Um die Theorie greifbar zu machen, schauen wir uns ein Beispiel aus dem Stationsalltag an. Ein Bewohner ist aufgrund körperlicher Schwäche immobil und verbringt viel Zeit im Bett. Es besteht die Gefahr, dass die Haut durch den dauerhaften Druck Schaden nimmt (Dekubitus).

Einschätzung: Assessment und Risikoidentifikation

Die Pflegefachkraft nutzt ein anerkanntes Instrument zur Risikoeinschätzung, wobei das Ergebnis eine hohe Gefährdung aufgrund mangelnder Eigenbewegung des Bewohners aufzeigt. Diese systematische Datenerhebung bildet die fachliche Grundlage für die nachfolgende Planung.

Planung: Formuliertes Ziel nach der SMART-Formel

Die Haut des Bewohners bleibt an allen druckgefährdeten Stellen rötungsfrei sowie vollständig intakt, wobei dieser Zustand durch tägliche Sichtkontrollen überprüft und im Rahmen der wöchentlichen fachlichen Auswertung am Ende des jeweiligen Planungszeitraums objektiv bestätigt wird.

Durchführung: Formulierte Maßnahme nach den W-Fragen

Das Pflegepersonal führt im Pflegebett eine druckentlastende Positionsänderung unter fachgerechter Anwendung von Lagerungskissen durch, wobei die Durchführung je nach individueller Hauttoleranz in einem Rhythmus von einer bis vier Stunden erfolgt und jede Umlagerung unmittelbar in der Pflegedokumentation mit Angabe der Uhrzeit und der Körperseite festgehalten wird.

Bewertung: Evaluation des Ergebnisses

Die fachliche Auswertung erfolgt über die Fragestellung, ob die Haut des Bewohners rötungsfrei geblieben ist. Bei einem positiven Befund wird die Maßnahme als erfolgreich bewertet und fortgeführt; im Falle einer Hautveränderung erfolgt eine sofortige Anpassung des Zeitplans oder eine Optimierung der eingesetzten Hilfsmittel.

Das Sechs-Phasen-Modell nach Fiechter und Meier

Das Modell wurde in den 1980er-Jahren von den Schweizer Pflegewissenschaftlerinnen Verena Fiechter und Martha Meier entwickelt. Es basiert auf dem Problemlösungsprozess und wurde konzipiert, um der Pflege eine wissenschaftliche und nachvollziehbare Struktur zu geben. In Deutschland ist es bis heute die Basis der klassischen Pflegeplanung und Pflegedokumentation.

Kurzdarstellung der sechs Schritte

  1. Informationssammlung: Erhebung aller relevanten Daten des Bewohners.
  2. Erfassung von Pflegeproblemen und Ressourcen: Analyse von Defiziten und vorhandenen Fähigkeiten.
  3. Festlegung der Pflegeziele: Bestimmung des gewünschten Zustands nach der Pflege.
  4. Planung der Pflegemaßnahmen: Festlegung der konkreten Handlungen.
  5. Durchführung der Pflege: Praktische Umsetzung der geplanten Maßnahmen.
  6. Beurteilung der Wirkung (Evaluation): Überprüfung der Zielerreichung.

Im Folgenden werden die einzelnen Schritte des Prozesses sowie die damit verbundenen pflegerischen Aufgaben detailliert betrachtet.

Phase 1: Informationssammlung

In diesem ersten Schritt werden alle notwendigen Daten zusammengetragen. Dies geschieht durch das Aufnahmegespräch (Anamnese), Beobachtungen, medizinische Befunde und Informationen von Angehörigen, um ein Gesamtbild der aktuellen Lebenssituation des Bewohners zu erstellen. 

Phase 2: Pflegeprobleme und Ressourcen

Hier wird analysiert, wo der Bewohner Hilfe benötigt (Probleme) und was er noch selbstständig leisten kann (Ressourcen). Ressourcen sind entscheidend, da sie in die Pflege eingebunden werden, um die Selbstständigkeit so lange wie möglich zu erhalten.

Hinweis zur praktischen Anwendung: In der modernen Pflegepraxis werden die ersten beiden Phasen – die Informationssammlung sowie das Erkennen von Problemen und Ressourcen – häufig durch das Instrument der Strukturierten Informationssammlung (SIS) ersetzt oder ergänzt. Wie bereits oben im Text erläutert, ermöglicht die SIS eine Erfassung der Daten in sechs themenbezogenen Feldern, wodurch die Informationsgrundlage für die darauffolgende Planung deutlich strukturierter und effizienter gestaltet wird.

Phase 3: Festlegung der Pflegeziele

 Ein Pflegeziel beschreibt einen Zustand, der innerhalb eines bestimmten Zeitraums erreicht oder erhalten werden soll. Ziele geben der Pflege eine klare Richtung und machen den Erfolg der pflegerischen Unterstützung messbar. Wie bereits im obigen Abschnitt zum Vier-Phasen-Modell am Beispiel erläutert, ist eine Formulierung nach der SMART-Formel hierbei besonders effektiv, um die Ziele spezifisch und zeitlich genau zu definieren.

Phase 4: Planung der Pflegemaßnahmen 

In dieser Phase wird präzise festgelegt, welche Maßnahmen notwendig sind, um die zuvor gesteckten Ziele zu erreichen. Eine fachgerechte Planung beantwortet detailliert die Fragen: Wer führt die Handlung durch, was genau wird getan, wie oft findet die Maßnahme statt, zu welchem Zeitpunkt erfolgt sie und welche Hilfsmittel werden dafür benötigt? Diese Struktur gewährleistet, dass jeder Mitarbeiter die Pflege auf dem gleichen hohen Niveau durchführen kann.

Phase 5: Durchführung der Pflege

Die theoretische Planung wird nun in die Praxis umgesetzt. Das Pflegepersonal führt die Maßnahmen am Bewohner durch. Wichtig ist hierbei die lückenlose Dokumentation aller erbrachten Leistungen.

Phase 6: Beurteilung der Wirkung (Evaluation)

Im letzten Schritt wird das Ergebnis mit dem ursprünglich geplanten Ziel verglichen. War die Pflege erfolgreich? Wenn das Ziel nicht erreicht wurde, muss der Prozess von vorn beginnen (Phase 1 oder 2), um die Planung an die neue Situation anzupassen.

Vergleich: 6-Schritt-Modell vs. 4-Schritt-Modell

Der Hauptunterschied liegt in der Aufteilung der Arbeitsschritte. Während das 6-Schritt-Modell nach Fiechter und Meier sehr detailliert ist und jeden Gedanken einzeln trennt (z. B. Probleme und Ressourcen als eigener Schritt), ist das 4-Schritt-Modell wesentlich kompakter.

Im 4-Schritt-Modell werden die ersten Phasen zum Assessment zusammengefasst und die Planung der Ziele direkt mit den Maßnahmen verbunden. Das 6-Schritt-Modell ist das ausführliche Lernmodell für die Theorie, während das 4-Schritt-Modell die schnellere, praktische Lösung für den modernen Pflegealltag und die Dokumentation mit der SIS darstellt.

Vergleich am Beispiel: Dekubitus-Prävention

Am Beispiel der Dekubitusgefahr sieht man gut, wie die Phasen ineinandergreifen oder zusammengefasst werden:

  • Im 6-Schritt-Modell (Detailliert):Zuerst sammelst du die Information (Phase 1: Bewohner liegt viel). Dann analysierst du das Problem (Phase 2: Dekubitusgefahr an der Ferse). Erst danach setzt du das Ziel (Phase 3: Haut bleibt intakt) und planst die Maßnahme (Phase 4: Lagerung alle 2 Stunden). Jeder Gedankengang ist ein eigener, schriftlicher Schritt.
  • Im 4-Schritt-Modell (Kompakt):Hier findet die Informationssammlung und die Risikoanalyse direkt zusammen im Assessment statt (Phase 1). Du stellst fest, dass eine Dekubitusgefahr besteht, und gehst sofort in die Planung (Phase 2) über, in der du das Ziel (intakte Haut) und die Maßnahmen (Lagerungsplan) als Einheit festlegst.

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